Menschen, die häufig verreisen, haben ein Problem: Billigflieger können zwar für immer günstiger Urlaube sorgen - doch die Lust der Reisenden auf „echte" Erfahrungen am Zielort bleibt
unbefriedigt. Seit einiger Zeit sorgt der Siegeszug des Internets auch auf diesem Gebiet für wachsenden interkulturellen Austausch: Auf Webseiten wie „Couchsurfing.com" finden sich Menschen,
die Reisenden ihre Heimatstadt zeigen und häufig auch eine Übernachtungsmöglichkeit anbieten.
Das funktioniert nicht nur in exotischen Ländern, sondern auch in Baden-Württemberg. Während in den Großstädten Stuttgart, Freiburg
und Mannheim jeweils mehr als 100 Gastgeber registriert sind, finden sich selbst im 37 000-Seelen-Städtchen Schwäbisch Hall noch 18 freiwillige Stadtführer.
"Ich war überrascht über das Vertrauen"
„Ich war sehr überrascht und überwältigt, welches Vertrauen mir entgegengebracht wurde", erzählt Melanie Lotos Göbl. Bei einer ihrer Übernachtungen wollte ein anderer Couchsurfer gerade in seinen Weihnachtsurlaub aufbrechen und drückte ihr kurzerhand seine Wohnungsschlüssel in die Hand. Göbl ist eine von mehr als 200 Couchsurfern aus Karlsruhe und seit November bei dem Internet-Dienst registriert. Die 25-Jährige hat in dieser Zeit ein knappes Dutzend Menschen bei sich beherbergt, darunter Besucher aus Bulgarien und Guatemala. Sie selbst wurde im italienischen Udine zur kulinarischen Botschafterin: „Wir wurden bei der Ankunft mit italienischen Köstlichkeiten empfangen und es war klar, dass ich am nächsten Abend für meine Gastgeber koche."
Couch für Couch eine bessere Welt erschaffen
Genau diese Form von Gastfreundschaft ist von den Gründern beabsichtigt. „Nimm daran teil, eine bessere Welt zu erschaffen. Couch für Couch" heißt die Mission der Seite. Das Ganze soll mehr
sein als die Vermittlung kostenloser Übernachtungsplätze. „Couchsurfing möchte nicht nur die Art zu Reisen verändern, sondern auch unser Verständnis der Welt!", heißt es weiter. Die meisten
Erfahrungsberichte auf der Seite deuten darauf hin, dass dies sogar ein klein wenig gelingt. Inzwischen haben sich knapp 500 000 Menschen in 226 Ländern bei dem Dienst
registriert.
Wer selber mitmachen möchte, sollte nach der Anmeldung einige Informationen über Sprachkenntnisse, zur Verfügung stehende Schlafplätze und eventuell auch ein Foto einstellen. Jeder, der eine Reisebekanntschaft sucht, darf auch von anderen Nutzern auf eine eigene freie Couch angesprochen werden, allerdings kann jedes Gesuch auch abgelehnt werden. Um die Vertrauenswürdigkeit zu erhöhen, können virtuelle Freundschaften mit Nutzern geschlossen werden, die sich bereits offline getroffen haben. Nutzer, die nur auf Verabredungen mit Frauen aus sind, sollen auf diese Art schnell enttarnt werden können.
Über das Zusammenführen von Reisenden und Besuchten hinaus, beginnen häufig auch die heimischen Couchsurfer einer Stadt sich zu organisieren. So gibt es in Stuttgart inzwischen spezielle Couchsurfing-Partys und regelmäßige Treffen, bei denen der Weihnachtsmarkt oder der Europapark besucht wird. Aus dem kurzlebigen Reisealltag werden auf diese Art häufig gute Bekannte oder sogar Freunde. Auch Melanie Lotos Göbl zieht eine positive Bilanz: „Es ist ein tolles Gefühl, wenn ich Leute bei mir empfangen kann und etwas Fernweh in mir hochkommt."